Bildung öffnet Türen: Ein Interview

Innsbruck punktet als größter Bildungs- und Wissenschaftsstandort Westösterreichs.

Das Motto: „Die beste Bildung für alle, von Anfang an.“ Denn diese legt den Grundstein fürs Leben: Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr im Kindergarten Reichenau. © Stadt Innsbruck/R. Kubanda
Welchen gesellschaftlichen Wert eine breit gefächerte Bildung von der Elementarpädagogik bis zur Erwachsenenbildung hat, schildert die für Bildung ressortzuständige Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr im Gespräch.
„Bildung ist die mächtigste Waffe, um die Welt zu verändern.“ Was können Sie diesem Spruch des Friedens-Nobelpreisträgers Nelson Mandela abgewinnen?
Nelson Mandela ist ein Vorbild dafür, dass wir nie verzweifeln sollten, niemals aufgeben, uns nicht zermürben lassen sollten selbst von widrigsten Umständen und ungerechten Gewaltregimen und dass es letztlich auf die mentale, also geistige und seelische Stärke ankommt. Wenn man bedenkt, dass er mit friedlichen Mitteln gegen die Apartheid gekämpft hat, 27 Jahre inhaftiert war und seine Vision von einem demokratischen und besseren Südafrika erfolgreich war, dann stellt man das Zitat in den richtigen Zusammenhang. Bildung stärkt uns von innen, macht uns lebensfähig im Sinne eines guten und friedlichen Zusammenlebens, fähig zu kooperieren, etwas Gemeinsames zu schaffen und es macht uns widerstandsfähig gegenüber Manipulation von Machtinteressen und Autokraten.

Was verstehen Sie generell unter „Recht auf Bildung“? Wie sieht ein gerechtes, gutes und inklusives Bildungsangebot für Sie aus?
Es geht dabei immer um den Ausgleich von Verbundenheit und Freiheit. Alle Menschen brauchen das Gefühl der Verbundenheit, einer gewissen Zugehörigkeit, sie wollen teilhaben, verstanden werden, Sinn finden, hier spielen die Bildung und mit dem Erwachsenwerden die Arbeit eine immens große Rolle.
Bildung ist aber auch ein Schlüssel zur Freiheit, zur Unabhängigkeit: Dass wir durch Arbeit und ein eigenes Einkommen wirtschaftlich frei und unabhängig werden können und dass wir auch geistig frei sein können. Wir können uns durch Bildung eigenständig eine eigene Meinung bilden, uns neu orientieren, weiterentwickeln und selbstständig denken und dadurch auch die Verhältnisse ändern, uns organisieren und so als Einzelner oder als Gruppe einen Teil des Lebens und der Gemeinschaft gestalten. Das ist die bildungspolitische Grundidee. Daher lautet die simple, aber auch große Aufgabe, für alle Kinder, unabhängig davon, in welche Familie sie geboren sind, die besten Chancen auf Bildung zu schaffen. Wie gut uns das heute gelingt, davon hängen alle anderen Teilbereiche von Politik und Zusammenleben in der nächsten Generation ab.

Was sind Ihrer Meinung nach aktuell die drängendsten Fragen in der Bildungspolitik? Wenn es ab sofort in Ihrem alleinigen Wirkungsbereich läge, was würden Sie zuallererst ändern?
Wir müssen nicht weit schauen, um zu sehen, wie es besser geht, nämlich über den Brenner, nach Südtirol. Dort gibt es seit Jahrzehnten die Gemeinsame Schule aller 6- bis 14-Jährigen. Das ist eine inklusive Form der Schule, die für alle Kinder das Beste bringt. Ihre Talente werden genauso gefördert, wie sie bei Schwächen unterstützt werden. Jedes Kind ist anders, die Freude am Lernen und Entdecken weicht bei uns oft der Angst vor Ziffernnoten – das kann man mit früher nicht vergleichen. Heute berichten mir reihenweise Eltern und Lehrer:innen von diesem unsinnigen Druck, der auf den Kindern lastet, weil ihnen bereits mit acht, neun Jahren wegen unseres trennenden Bildungssystems vermittelt wird, wenn du da oder dort nicht besser wirst und das schnell, dann wird es bergab gehen mit deiner Laufbahn.
Wir brauchen Schulen, die nicht auf Druck setzen, sondern auf Sog: Was interessiert die Kinder, wo wollen sie sich hineintigern, was zieht sie an? Wo können Kinder sich gegenseitig unterstützen, gemeinsam aktiv werden und voneinander lernen? Und wo brauchen sie jedenfalls Förderung, denn natürlich müssen alle Kinder gut lesen, schreiben, rechnen können nach der Pflichtschule, auch wenn ihnen etwas davon nicht liegt. Unsere Schulen sind prima, aber das System selbst wirkt sich behindernd auf unsere Kinder und ihre Chancen aus. Das muss von Grund auf geändert werden, leider gibt es hier in Österreich immer noch eine Bastion, die das verhindert, auf dem Rücken der Kinder. Aber auch hier kann man sich an Menschen wie Mandela ein Vorbild nehmen, nie aufgeben, wenn man eine Vision von einer besseren und gerechteren Welt hat, weitermachen.

Der Gemeinderat sprach sich im Mai 2026 einstimmig für die Fortführung des so genannten „Innsbrucker Modells“ der Ganztagsschule bis Juli 2030 aus. Welche Vorteile bietet es Kindern und Familien? Welchen Bedürfnissen von Kindern kommt es entgegen?
Hier geht es um die „echte“ Ganztagsschule, wie der Bildungsminister so schön sagt. Hier wechseln über den Tag verteilt Freizeiteinheiten und Lerneinheiten ab, Unterricht und kreative Pausen, Sport, Erholungsphasen, Austoben gibt es somit immer wieder über den Tag verteilt. Keine Hausübungen, die die Kinder mit nach Hause bringen, und somit auch keine schweren Schultaschen mehr. Unser Innsbrucker Modell bedeutet, dass wir 20 Prozent mehr Geld investieren als es gesetzlich vorgegeben wäre. Mit diesem Geld finanzieren wir zusätzliche freizeitpädagogische Personalstunden, sodass im Rahmen der Ganztagsschule Ausflüge gemacht werden können: in nahegelegene Parks, zum kostenlosen Eislaufen, in die Stadtbibliothek, ins Museum, in die Waldschule. Man kann dadurch auch immer wieder einmal Klassen teilen, um den teils unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder zu entsprechen. Die einen brauchen Rückzug, die anderen Bewegung. Mit unserem Modell geht das. Überall sonst in Österreich geht die Anzahl der echten Ganztagsklassen zurück. Bei uns steigt die Nachfrage.
Mein Appell: Lieber Bund, schaut nach Innsbruck, genau das muss Standard werden, das ist kein Luxus, sondern Qualität, die es ganz einfach braucht, damit es funktioniert. Zusätzlich gibt es immer noch genug zu tun. Stichwort: Räumlicher Ausbau von Schulen und Modernisierung für diesen Zweck. Die meisten Schulen sind baulich dafür nicht gut geeignet, umso wichtiger ist die Personalausstattung, um auch mal aus dem Schulgelände herauszukommen.

Wie innovativ ist Innsbruck im Bildungsbereich? Welche anderen fortschrittlichen Maßnahmen und Ideen können Sie nennen?
Hier gäbe es so viele Beispiele, sowohl aus den Kindergärten und Horten, als auch aus den Schulen, die Stadt ist eine vielfältige, bunte Bildungslandschaft mit Hunderten von engagierten Menschen, die diesen Garten hegen und pflegen und zum Blühen bringen. Hier unterstützen wir als Stadt so gut, wie es uns möglich ist, darin sehe ich eine wichtige Rolle. Ein besonders wichtiges Anliegen sind mir persönlich qualitätsvolle Mittelschulen. Daher investieren wir hier bewusst in Schwerpunkte.
Ein Erfolgsmodell ist beispielsweise die Football Akademie an der Mittelschule Hötting-West, dafür beneidet uns ganz Österreich. Nach diesem Beispiel starten wir heuer im Herbst mit einer Ballsport-Akademie für Fußball, Volleyball und Tennis an der Mittelschule Reichenau. Auch bei den vielen anderen Mittelschulen sagen mir Eltern immer wieder, dass sie überrascht sind über die hervorragende Qualität, inhaltlich wie personell, und dass wir viel mehr über diese hervorragende Qualität im Vergleich zum Gymnasium reden sollen. Ich tue nichts lieber als das!

Vor kurzem konnten Bund, Länder und Gemeinden eine bedeutende bildungspolitische Grundsatzeinigung erzielen. Wie wirkt sie sich ganz konkret auf Schülerinnen und Schüler aus?
Das werden wir uns genau anschauen. Was man besonders gut an der Ganztagsschule sieht, das gilt natürlich ganz prinzipiell: Wir müssen Schulen als Räume sehen, in denen gelebt wird, nicht nur ein paar Stunden pro Tag gesessen und einmal die Woche geturnt. Hier gibt es immer noch sehr viel zu tun. Alle Bildungsorte, ob Kinderkrippen, Kindergärten oder Schulen müssen pädagogisch zeitgemäß, klimagerecht und ganztagsfit gestaltet werden. Genauso sind diese Räume Orte, an denen zusammengelebt und gearbeitet wird.
Es braucht noch mehr Investitionen für und in multiprofessionelle Teams, die an Schulen direkt mit den Kindern arbeiten: von den Lehrpersonen, Freizeitpädagog:innen, Assistenzen für Kindern mit Behinderungen bis hin zu Schulsozialarbeiter:innen, Schulärzt:innen oder School Nurses, Schulpsycholog:innen, (Sport-)Trainer:innen bzw. anderen externen Expert:innen aus verschiedenen Bereichen, die für die Kinder und Jugendlichen wichtig und interessant sind. Mit dem Reformpaket sind erste wichtige Schritte in diese Richtung gelungen: Der Bund will jetzt mehr Geld investieren und setzt auf „Personal aus einer Hand“, was – so hoffen wir – wiederum Ressourcen für die Stadt freispielen kann, um die räumliche und inhaltliche Qualität von Schwerpunkten zukünftig noch stärker anpacken zu können!

Das Interview führte Anneliese Steinacker.