City Count: Innsbruck handelt gegen Wohnungslosigkeit

Neue Daten machen Ausmaß, Ursachen und notwendige Maßnahmen sichtbar

Innsbruck beteiligte sich am europaweiten „EU Homelessness City Count“: Vizebürgermeister Georg Willi (r.), Philipp Schnell von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und die städtische Sozialkoordinatorin Natascha Mair präsentierten die Innsbrucker Ergebnisse sowie die daraus abgeleiteten Handlungsfelder. © Stadt Innsbruck/M. Freinhofer
Erstmals liegen für Innsbruck wissenschaftlich fundierte Daten zum Ausmaß der Wohnungs- und Obdachlosigkeit vor. Mit Stichtag 6. Oktober 2025 wurden 1.246 volljährige Betroffene sowie 133 mitbetroffene Kinder erfasst.
Die Ergebnisse verdeutlichen: Wohnungslosigkeit betrifft nicht nur Menschen, die im öffentlichen Raum schlafen. Viele verfügen über Arbeit, Einkommen und soziale Netzwerke, finden aber keine leistbare Wohnung; andere benötigen frühzeitige oder spezialisierte Unterstützung. „Der City Count ist ein Arbeitsauftrag für die Politik. Die Ergebnisse geben uns eine klare Grundlage, um Angebote gezielt weiterzuentwickeln und dort anzusetzen, wo Unterstützung besonders notwendig ist“, betont Vizebürgermeister und Sozialreferent Georg Willi.

Die Erhebung erfolgte im Rahmen der europaweiten Initiative „EU Homelessness Counts 2025“. In Innsbruck beteiligten sich 34 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe und Streetwork-Teams. Wissenschaftlich begleitet wurde die Zählung von Philipp Schnell vom Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Laut Schnell konnte Innsbruck im Vergleich zu anderen teilnehmenden Städten besonders viele Betroffene sichtbar machen. Möglich wurde dies durch den großen Einsatz der beteiligten Organisationen trotz knapper Ressourcen. Sozialkoordinatorin Natascha Mair verweist zugleich auf die Grenzen der Erhebung: „Auch ein breit angelegter City Count kann nicht alle Betroffenen erreichen. Es bleibt eine Dunkelziffer.“

Wohnungslosigkeit oft unsichtbar
Die größte Gruppe lebt verdeckt wohnungslos: 527 Menschen beziehungsweise 42,3 Prozent kamen bei Freund:innen, Bekannten oder Familienangehörigen unter, weil ihnen eine eigene Wohnmöglichkeit fehlte. Die Ergebnisse zeigen damit, dass Wohnungslosigkeit längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – viele Betroffene benötigen keine intensive Betreuung, sondern vor allem Zugang zu einer bezahlbaren Wohnung. „Gerade bei verdeckter Wohnungslosigkeit müssen wir früh handeln. Je länger Menschen ohne eigene Wohnung bleiben, desto größer wird das Risiko zusätzlicher Probleme wie Schulden, Sucht oder psychischer Belastungen“, unterstreicht Sozialkoordinatorin Mair.

Frühzeitig gegensteuern
Als unmittelbare Auslöser nannten 31,6 Prozent Delogierungen beziehungsweise den Verlust des Mietverhältnisses, 31,5 Prozent finanzielle Gründe, 25,1 Prozent familiäre Konflikte und 21,3 Prozent gesundheitliche Probleme oder Suchterkrankungen (Mehrfachnennungen möglich). „Wohnungslosigkeit entsteht nicht plötzlich. Jede verhinderte Delogierung verhindert oft auch persönliches Leid und hohe Folgekosten“, hebt Willi hervor.

Aus den Ergebnissen des Innsbrucker City Count ergeben sich insbesondere folgende Handlungsfelder:

• Delogierungsprävention ausbauen
• Miet- und Schuldenberatung stärken
• mobile Sozialarbeit ausbauen
• sichere Übergänge nach Haft, Krankenhaus, Therapie oder Kinder- und Jugendhilfe schaffen
• Housing First weiter ausbauen

Wohnen als Schlüssel
Der City Count zeigt: Wohnungslosigkeit ist auch eine Frage des Wohnungsmarktes. 314 Personen beziehungsweise 30,6 Prozent nannten Arbeit in Voll- oder Teilzeit als Einkommensquelle. Von den Personen mit Angaben zur Haushaltsform lebten 899 beziehungsweise 86,7 Prozent allein.

„Wenn Menschen trotz Einkommen keine bezahlbare Wohnung finden, ist das nicht nur eine soziale, sondern auch eine wohnungspolitische Herausforderung. Für viele ist die Lösung nicht eine weitere Betreuungseinrichtung, sondern ein eigener Mietvertrag“, so die Sozialkoordinatorin der Stadt Innsbruck. Notwendig sind daher mehr kleine, leistbare Wohnungen, der weitere Ausbau von Housing First, eine stärkere Zusammenarbeit von Stadt, Land und Gemeinden im sozialen Wohnbau sowie wirksame Maßnahmen gegen Leerstand. Zugleich appelliert Mair an die gesellschaftliche Verantwortung von Eigentümer:innen, leer stehenden Wohnraum zu bezahlbaren Mieten wieder für den Wohnungsmarkt verfügbar zu machen.

Junge Menschen stärken
462 Betroffene und damit rund 37 Prozent waren jünger als 30 Jahre. „Gerade bei jungen Menschen haben wir die größte Chance, Wohnungslosigkeit zu beenden, bevor sie sich verfestigt“, erklärt Vizebürgermeister Willi. Dafür braucht es bessere Übergänge aus der Kinder- und Jugendhilfe, Housing First für junge Erwachsene, Übergangswohnungen und leistbares Junges Wohnen.

Passende Hilfen
Während viele Betroffene vor allem eine Wohnung benötigen, sind andere auf medizinische, pflegerische oder sozialarbeiterische Unterstützung angewiesen. „Wer schwer krank oder pflegebedürftig ist, darf nicht zwischen Wohnungslosenhilfe, Gesundheitswesen und Pflege verloren gehen. Wir brauchen Angebote, die Wohnen, Gesundheit und soziale Unterstützung verbinden“, stellt Willi klar.

Gemeinsam handeln
Die erstmals vorliegenden Daten schaffen eine fundierte Grundlage für die Weiterentwicklung der Innsbrucker Wohnungslosenhilfe und Wohnpolitik. „Wohnungslosigkeit ist eine Herausforderung, der wir entschlossen begegnen müssen. Das gelingt nur im Schulterschluss von Stadt, Land und den sozialen Einrichtungen“, fasst Willi zusammen.

Mair ergänzt abschließend: „Innsbruck soll auch in Zukunft eine lebenswerte und sichere Stadt bleiben. Dafür braucht es nicht nur Hilfe in der Krise, sondern vor allem Prävention. Die beste Sicherheitspolitik ist eine gute Sozialpolitik – und sie beginnt mit einem sicheren Zuhause.“