Eine moralische Gratwanderung

Peter Lorenz erhält die Förderung „gedenk_potenziale 2027“

Kulturamtsleiterin Isabelle Brandauer und Vizebürgermeister Georg Willi gratulierten dem Tiroler Autor Peter Lorenz zu seinem "gedenk_potenziale"-Projekt "Reisebüro Schleich". © Stadt Innsbruck/A. Steinacker
Für die „gedenk_potenziale 2027“ des Stadtarchiv/Stadtmuseums Innsbruck wurde das Projekt „REISEBÜRO SCHLEICH“ des Tiroler Autors Peter Lorenz von einer Fachjury aus fünf Einreichungen ausgewählt.
Vizebürgermeister Georg Willi gratulierte und betonte anlässlich der Verleihung am 9. Juni die Gemeinsamkeiten der „gedenk_potenziale“-Projekte: „Immer sind es Formen des Gedenkens, die den Opfern nationalsozialistischer Gewalt gerecht werden. Es ist zudem kein distanziertes, ritualisiertes oder rein museales Gedenken, sondern ein Gedenken, das uns heute ‒ fast hundert Jahre später direkt anspricht, das uns bewegt und zum Nachdenken anregt ‒ über die Vergangenheit, aber auch über unsere Gegenwart und Zukunft. Wir können nicht Geschehenes ungeschehen machen ‒ so sehr wir uns das auch wünschten. Wir können dem Geschehenen aber Raum geben, innehalten, uns Fragen stellen und auch unser eigenes Verhalten heute reflektieren.“

Fachjury hat entschieden
Für die „gedenk_potenziale 2027“ wählte die Fachjury, der Maria Fritsche, Michael Haupt, Gisela Hormayr, Anna Ladinig und Horst Schreiber angehörten, das auf historischen Recherchen basierende NS-Grenzschmuggel-Drama REISEBÜRO SCHLEICH. Das Stück von Peter Lorenz wird am 5. Mai 2027 in Koproduktion mit dem Theater Praesent und dem Dramatiker:innen Festival Graz in Innsbruck zur Uraufführung gebracht. Begleitet wird die Premiere von einer Podiumsdiskussion mit Historiker:innen und zeitgenössischen Perspektiven zum Thema Fluchthilfe und Schlepperei, wobei auch die Rolle Innsbrucks auf NS-Fluchtrouten beleuchtet wird. Zusätzlich soll eine kleine Beton-Mischtechnik-Skulptur im öffentlichen Raum die brisanten historisch-zeitgenössischen Fragen zu Flucht im öffentlichen Bewusstsein halten.

Zum Stück
Der Österreicher Josef Schleich brachte während der NS-Zeit jüdische Menschen über die grüne Grenze nach Jugoslawien. Wieviele, ist noch immer historisch umstritten. Dabei begab sich Schleich auf eine moralische Gratwanderung vom Schmuggler zum Geschäftsmann, vom Hühnerbauern zum Landwirtschaftsdozenten, vom Reiseleiter zum Judenschlepper. Seine Wohnung diente als Umschlagplatz verfolgter Menschen, als Ausgangspunkt seiner Reisen durch die Weltgeschichte und gleichzeitig als Schauplatz rauschender Feste mit hochrangigen Nazis.

Im Theaterstück des Tiroler Autors Peter Lorenz wird dieses historisch kaum beleuchtete Thema von einer Autorin und einem Zeitzeugen mithilfe von historischen Archivdokumenten über den Auf- und Niedergang des Reisebüro Schleich bearbeitet. Dabei schlüpfen sie in die Rollen von Nazis und Schmuggler:innen, tasten deren Sprache ab und stoßen auf erschreckende zeitgenössische und persönliche Parallelen.

Wissenswertes
Die Förderschiene des Stadtarchiv/Stadtmuseums Innsbruck „gedenk_potenziale“ fördert Projekte aus Kunst, Wissenschaft, Bildung oder interdisziplinären Feldern, die der Opfer des Nationalsozialismus gedenken und auf die Aktualität von Gewalt hinweisen, mit jeweils 20.000 Euro. Die Ausschreibung erfolgt jedes Jahr am 5. Mai, seit 1997 der „Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“, und stets zwei Jahre im Voraus.

Einreichungen für die „gedenk_potenziale 2028“ sind bereits möglich und erfolgen ausschließlich in digitaler Form als PDFs über die E-Mail-Adresse einreichung@gedenkpotenziale.at Alle Informationen rund um Voraussetzungen, zur Einreichung und zu allen bisher umgesetzten Projekten sind unter www.innsbruck.gv.at/gedenk-potenziale abrufbar. AS