Obwohl die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) seit vielen Jahren als eigenständige Sprache anerkannt ist, ist eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben noch immer nicht selbstverständlich beziehungsweise unmöglich.
Ein besonders drängendes Problem ist der Mangel an qualifizierten Gebärdensprachdolmetscher:innen. In vielen Lebensbereichen ist der Zugang zu Dolmetschleistungen nicht ausreichend gewährleistet. Das betrifft etwa medizinische Versorgung, Bildung, Arbeit, kulturelle Veranstaltungen oder wichtige Informationsangebote. „Wenn keine Dolmetscher:innen verfügbar sind oder die Finanzierung einer Dolmetschleistung nicht ausreichend geklärt ist, entstehen für Betroffene erhebliche Hürden“, erklärt die Vorsitzende des Behindertenbeirates Julia Golser.
Der Magistrat Innsbruck ist hier eine lobenswerte Ausnahme, da die Dolmetscher:innen für sämtliche Amtsgeschäfte und auch den Ferienzug von der Stadt bezahlt werden. Einzig den oder die Dolmetscher:in muss man selbst mitbringen.
„Eine Sprache anzuerkennen, reicht nicht aus, wenn Menschen diese Sprache im Alltag nicht verwenden können, um ihre Rechte wahrzunehmen und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, betont die für die Agenden des Behindertenbeirats zuständige Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr. „Der Zugang zu Gebärdensprachdolmetschung muss verlässlich und bedarfsgerecht gewährleistet sein – so wie wir das im Rathaus anbieten, wobei immer noch Luft nach oben ist.“
Der Behindertenbeirat Innsbruck fordert daher, öffentliche Informationen konsequent auch in Österreichischer Gebärdensprache bereitzustellen und digitale Angebote barrierefrei weiterzuentwickeln. Gebärdensprachvideos und andere visuelle Informationsangebote müssen dabei als selbstverständlicher Bestandteil öffentlicher Kommunikation verstanden werden und nicht als freiwillige Zusatzleistung.
Inklusion muss bereits in der Schule beginnen
Besonders wichtig ist der Blick auf den Bildungsbereich. Auch in den Schulen bestehen weiterhin erhebliche Lücken bei der Inklusion gehörloser und hörbeeinträchtigter Kinder. Es braucht ausreichend qualifizierte Unterstützung, geeignete Unterrichtsangebote und einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung in bzw. mit Gebärdensprache.
Kinder und Jugendliche dürfen nicht vor die Entscheidung gestellt werden, entweder Zugang zu Bildung oder Zugang zu ihrer Sprache zu haben. Eine inklusive Schule muss unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse von Anfang an berücksichtigen und die Österreichische Gebärdensprache dort ermöglichen, wo sie für Schüler:innen die notwendige Grundlage für Bildung und soziale Teilhabe darstellt. Es ist auch ein großer Kompetenzgewinn für alle Schüler:innen, wenn sie, gehörlos oder nicht, ÖGS, so wie andere Sprachen, im Regelunterricht erlernen.
Gleichberechtigung braucht konkrete Maßnahmen
„Inklusion bedeutet nicht, dass Menschen sich an bestehende Strukturen anpassen müssen. Inklusion bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass alle Menschen gleichberechtigt teilnehmen können“, sind sich Golser und Mayr einig.
Der Internationale Tag der Gebärdensprachen ist daher nicht nur ein Anlass, auf die Bedeutung der Sprache aufmerksam zu machen. Er ist auch ein Auftrag, bestehende Barrieren abzubauen. Er soll daran erinnern: Gebärdensprache ist keine Randerscheinung, sondern ein wesentlicher Teil einer inklusiven und vielfältigen Gesellschaft.