Damit würdigt die Stadt Innsbruck das Lebenswerk der Tiroler Lehrerin, Pädagogin und Landtagsabgeordneten, die sich über Jahrzehnte für Bildung, Frauenrechte und gesellschaftliches Engagement eingesetzt hat.
„Der Weg von Josefine Sölder war geprägt von Neuanfängen. Als Pionierin in zahlreicher Hinsicht hat sie viele Fußspuren hinterlassen, in die nachfolgende Generationen wie selbstverständlich treten konnten. Aber selbstverständlich war an ihrem Lebensweg nichts – und auch nicht ohne Widerstände. Von ihrem Pfad ließ sie sich dadurch nicht abbringen, und hat ihn so für alle vorbereitet, die ihr nachfolgen sollten. Und nicht nur, wenn wir über die nach ihr benannte Straße gehen, wollen wir uns heute so an sie erinnern: Als Wegbereiterin“, betont der für Erinnerungskultur ressortzuständige Vizebürgermeister Georg Willi.
„Mit dieser Straße benennen wir zum ersten Mal bewusst nach einer verdienten Frau um: Josefine von Sölder war eine mutige Frau, die sich ihr Leben lang mit vollem Engagement für das eingesetzt hat, was sie für richtig hielt: Verbesserungen im Bildungsbereich. Das hat sie auf jeder Ebene gemacht: Ob als Lehrerin, Professorin, Schulheimleiterin, Politikerin oder als Ehrenamtliche – jede Facette ihres Wirkens war von diesem Engagement geprägt. Dabei hat sie nicht das große Licht der Öffentlichkeit gesucht, wurde nicht international mit Ehrungen überhäuft. Ihr Name ist vielen nicht mehr bekannt, Statuen oder Denkmäler von ihr gibt es keine. Mit dieser Benennung ändert sich das, ihre Verdienste und ihr Andenken werden damit öffentlich erinnert“, freut sich die für Frauen ressortzuständige Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr.
„Es ist eine Eigenheit der Vergangenheit, dass sie sich nicht ändern lässt. Auch nicht durch die Umbenennung von Straßen. Auf die Gegenwart trifft dies aber nicht zu: Heute wissen wir, dass mit Hermann Gmeiner jahrzehntelang ein mutmaßlicher Missbrauchstäter geehrt wurde. Deshalb setzen wir heute den Schritt, dies zu korrigieren – und dafür einzustehen, was richtig ist. So, wie es Josefine Sölder Zeit ihres Lebens getan hat“, so der Leiter des Innsbrucker Stadtarchivs, Lukas Morscher.
Lebendige Erinnerungskultur
„Straßennamen prägen unser tägliches Stadtbild und zeigen, welche Persönlichkeiten wir ehren. Mit der Josefine-Sölder-Straße machen wir das Wirken einer herausragenden Pionierin für alle Innsbruckerinnen und Innsbrucker sichtbar. Es ist ein wichtiger Schritt zu mehr geschlechtlicher Gerechtigkeit im öffentlichen Raum und für eine lebendige Erinnerungskultur“, betont Kulturausschuss-Vorsitzende Karoline Obitzhofer.
Die feierliche Umbenennung ist auch für die Familie ein bewegender Moment. Christian Sölder, Großneffe von Josefine Sölder, und seine Gattin Dagmar, betonen die Bedeutung dieser Ehrung: „Für unsere Familie ist es eine große Freude und Ehre, dass das außergewöhnliche Wirken von Josefine Sölder auf diese Weise gewürdigt wird. Sie war eine mutige Wegbereiterin, die zeitlebens mit Tatkraft und Herz für die Rechte und die Bildung von Frauen eingetreten ist. Dass ihr Name nun im Innsbrucker Stadtbild sichtbar bleibt, hält ihr wichtiges Erbe für kommende Generationen lebendig.“
Josefine Sölder
Josefine (von) Sölder wurde am 17. Dezember 1864 in Venedig, das damals zum österreichischen Kaiserreich gehörte, geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Lehrerin an der Lehrerinnenbildungsanstalt der Barmherzigen Schwestern trat sie 1883 ihre erste Stelle in Dietenheim (Pustertal) an. Nach Stationen an der deutschen Schule in Trient kehrte sie 1895 als Professorin zurück an die Innsbrucker Lehrerinnenbildungsanstalt und bildete dort angehende Lehrerinnen aus. Für ihre pädagogische Arbeit wurde ihr als eine der ersten Tiroler Frauen der Titel „Schulrat“ verliehen. 1923 wurde Sölder pensioniert, die Lehrerinnenbildungsanstalt bestand noch bis 1963 am heutigen Standort des KORG Kettenbrücke.
1909 gründete Josefine Sölder gemeinsam mit mehreren Mitstreiterinnen die Katholische Frauenorganisation für Tirol (KFO), für die sie auch als langjährige Generalsekretärin im Vorstand tätig war. 1921 gründete Sölder zudem den Tiroler Mädchenverband, der 1927 bereits 190 Gruppen von engagierten Mitgliedern zählte. Die KFO wurde 1938 wie alle katholischen Vereine von den Nationalsozialisten aufgelöst, die Aufzeichnungen der Organisation wurden vernichtet.
Über die KFO führte Josefine Sölders Weg in die Politik: Zwischen 1921 und 1929 war sie für die Tiroler Volkspartei eine der ersten weiblichen Abgeordneten im Tiroler Landtag, wo sie „nicht nur die Sympathie der eigenen Leute, sondern auch die Achtung des Gegners“ gewann, wie es ein Nachruf im „Tiroler Anzeiger“ formuliert.
Der Großteil ihres politischen Wirkens galt schon früh der Verbesserung von Arbeitsbedingungen für Frauen im Tiroler Bildungswesen: So setzte sich Sölder bereits kurz nach ihrer Angelobung unter anderem für die faire Bezahlung von Handarbeitslehrerinnen ein, kritisierte Stellenabbau auf Kosten von überwiegend weiblichen Lehrkräften, sowie die ungerechte Behandlung von Lehrerinnen, etwa durch deren Entsendung an entlegene Dienstorte. In die jährliche Budgetdebatte im Landtag brachte sie sich stets fachkundig zum Schulwesen ein.
Die 2025 verstorbene Tiroler Historikerin Gretl Köfler beschreibt einen „Dauerclinch“ Sölders mit der sozialdemokratischen Abgeordneten Maria Ducia, nach der mit der Maria-Ducia-Gasse ebenfalls eine Innsbrucker Straße benannt ist. Inhaltliche Differenzen zwischen beiden fanden sich etwa in der Frage, ob Lehrerinnen ihren Beruf nach einer Heirat weiterführen sollten. Politische Auseinandersetzungen ließ Josefine Sölder allerdings in der Politik: „Ich bin so froh, dass ich mit gar niemand einen Unfrieden hab“, sagte sie wenige Wochen vor ihrem Tod.
Zusätzlich zu ihren pädagogischen, politischen und ehrenamtlichen Tätigkeiten leitete Josefine Sölder über drei Jahrzehnte die katholischen Schüler:innenheime Marien- und Josefsheim in der Maximilianstraße, in denen Schüler:innen aus ländlichen Gebieten Unterkunft fanden. Das Marienheim bestand – mit einer Unterbrechung während der NS-Zeit – bis 1991, die Stiftung Marienheim ist bis heute in Innsbruck sozial aktiv. Josefine Sölders Nachfolgerin als Heimleiterin, Maria Domanig, schrieb 1930 in einem persönlichen Nachruf über „hunderte und hunderte von Kindern, Schülerinnen, Freunde und Bekannte aus allen Kreisen“, die Sölder positiv in Erinnerung hatten.
Bis zu ihrem Ableben galt: „Nichts und niemand konnte sie an dem hindern, was sie als gut und recht zu tun erkannte“, wie auf ihrem Sterbebild zu lesen ist. Das Grab von Josefine Sölder befindet sich in ihrem Sterbeort Mödling, wo sie ihren Bruder besucht hatte und am 22. August 1930 einen Schlaganfall erlitt, dem sie am 2. September 1930 erlag.
Hermann Gmeiner
Der Gründer von SOS-Kinderdorf, Hermann Gmeiner, wurde zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus auf zahlreiche Weisen von der Stadt Innsbruck geehrt: Bereits im Juli 1957 trug er sich als „Direktor Hermann Gmeiner“ in das städtische Ehrenbuch ein, 1993 wurde ein Abschnitt der Luigenstraße – die heutige Josefine-Sölder-Straße – nach ihm benannt.
Nach Bekanntwerden von Missbrauchsvorwürfen gegen Gmeiner und seinen Nachfolger Helmut Kutin (der 1999 im Zuge der Verleihung des Innsbrucker Sozialehrenzeichens an SOS-Kinderdorf auch mit dem städtischen Verdienstkreuz bedacht wurde) wurden österreichweit vormals nach Gmeiner benannte Straßen und Plätze umbenannt, so auch in Innsbruck.
23 von 640
Mit der Josefine-Sölder-Straße sind nun insgesamt 23 Innsbrucker Straßen und Plätze nach Frauen benannt. Dem gegenüber stehen 284 Straßen- und vier Brückennamen, die sich auf Männer beziehen, eine Straße ist nach einem gemischtgeschlechtlichen Ehepaar benannt.
Die Mehrheit der insgesamt 640 Straßen und 19 Brücken im Innsbrucker Stadtgebiet ist allerdings nicht nach spezifischen Personen benannt – Namensgebende für 332 Straßen und 15 Brücken sind etwa Flurnamen, andere Gemeinden, historisch bedeutende Orte, Familiennamen, Pflanzen oder Tiere.
FB/DJ