Anlässlich des Mental Health Awareness Month im Oktober weist der Behindertenbeirat Innsbruck auf die oft übersehenen psychischen Belastungen von Menschen mit Behinderungen hin. Während das Thema psychische Gesundheit zwar zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit erhält, bleiben die besonderen Herausforderungen, denen Menschen mit körperlichen, sensorischen, intellektuellen oder psychischen Behinderungen täglich begegnen, häufig unsichtbar.
Menschen mit Behinderungen haben nicht deshalb ein höheres Risiko für psychische Belastungen, weil sie eine Behinderung haben. Vielmehr sind es gesellschaftliche Barrieren, Ausgrenzungserfahrungen, Diskriminierung, eingeschränkte Teilhabechancen und fehlende Unterstützungsangebote, die sich negativ auf die seelische Gesundheit auswirken können.
„Wer jeden Tag mit Hindernissen konfrontiert ist, die vermeidbar wären, zahlt dafür oft einen hohen psychischen Preis. Nicht die Behinderung macht krank, sondern die Barrieren, die Menschen an einem selbstbestimmten Leben hindern“, betont Julia Golser, Vorsitzende des Behindertenbeirats Innsbruck.
Mehrfachbelastungen prägen den Alltag
Viele Menschen mit Behinderungen erleben wiederholt Situationen, die ihre psychische Gesundheit beeinträchtigen können:
• Schwierigkeiten beim Zugang zum Arbeitsmarkt
• geringere Beschäftigungs- und Einkommenschancen
• soziale Isolation und Einsamkeit
• fehlende Barrierefreiheit in Bildung, Freizeit und Gesundheitsversorgung
• mangelnde Selbstbestimmung über das eigene Leben
• Vorurteile, Stigmatisierung und Diskriminierung
• bürokratische Hürden bei Unterstützungsleistungen
• Unsicherheit hinsichtlich Assistenz, Pflege oder Mobilität
Besonders belastend ist es, wenn Betroffene ihre Bedürfnisse ständig erklären oder um grundlegende Rechte kämpfen müssen. Viele berichten von Erschöpfung durch jahrelange Auseinandersetzungen mit Behörden, Institutionen oder unzureichend barrierefreien Angeboten.
Obwohl Menschen mit Behinderungen häufiger psychische Belastungen erleben können, stoßen sie beim Zugang zu psychotherapeutischen oder psychiatrischen Angeboten oftmals auf zusätzliche Hürden.
Fehlende barrierefreie Praxisräume, unzureichende Kommunikation in Leichter Sprache, mangelnde Gebärdensprachkompetenz oder unzureichendes Wissen über Behinderungen erschweren den Zugang zu dringend benötigter Unterstützung.
Teilhabe schützt die psychische Gesundheit
Psychische Gesundheit entsteht nicht ausschließlich im Gesundheitssystem. Sie wächst dort, wo Menschen dazugehören, mitbestimmen und ihre Fähigkeiten einbringen können.
Barrierefreie Mobilität, inklusive Bildung, chancengerechte Beschäftigung, leistbares Wohnen, kulturelle Teilhabe und soziale Netzwerke sind daher ebenso wichtige Faktoren für die psychische Gesundheit wie medizinische Versorgung.
„Die Rechte von Menschen mit Behinderungen sind untrennbar mit ihrer seelischen Gesundheit verbunden. Eine inklusive Gesellschaft stärkt nicht nur die Lebensqualität von Menschen mit Behinderungen, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt insgesamt und ist somit ein Gewinn für uns alle“, ist Vizebürgermeisterin Elisabeth Mayr überzeugt.
Psychische Gesundheit muss inklusiv gedacht werden. Menschen mit Behinderungen dürfen nicht länger an den Rand von Präventions-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten gedrängt werden. Barrierefreiheit, Teilhabe und Selbstbestimmung sind nicht nur Menschenrechte – sie sind grundlegende Voraussetzungen für psychische Gesundheit.
„Denn mentale Gesundheit bedeutet mehr als die Abwesenheit von Krankheit: Sie bedeutet, das eigene Leben selbstbestimmt, anerkannt und als gleichwertiger Teil unserer Gesellschaft gestalten zu können“, sind sich Golser und Mayr einig.